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Angola 2003

JENSEITS VON SCHWARZ UND WEISS

Diesen Sommer verbrachten meine Freundin und ich zwei Monate als Volontärinnen in einer Missionsstation der Salesianerschwestern in der Peripherie von Angolas Hauptstadt Luanda. Der Stadtteil nennt sich Kakuako und ist einige Kilometer vom Zentrum entfernt.
Die Station beinhaltet unter anderem einen Kindergarten, in dem wir tätig waren, sowie eine Schule, in der wir Kurse für Fotografie und Englisch abhielten.
Der folgende Aufsatz ist keineswegs ein minutiöser Lagebericht, den zu schreiben ich weder die Kompetenz noch den Wunsch habe, sondern vielmehr eine Darstellung unseres Gesamteindruckes.

Als wir am Flughafen von Luanda ankommen, wo zwei Schwestern des Dom Bosco Ordens uns in Empfang nehmen, ist es zeitig in der Früh und noch dunkel. Doch scheint es, während wir durch die Stadt fahren, als ob bereits alle auf den Beinen wären und ihren Beschäftigungen nachgingen.
Das Wenige, was man von der Stadt erkennen konnte, reichte aus um mich realisieren zu lassen, dass ich mich hier in einem Land, auf einem Kontinent befand, den ich noch nie zuvor betreten hatte und dessen Erscheinungsbild mit nichts zu vergleichen war, was ich von meinen bisherigen Reisen kannte.
Des Weiteren wurde mir erstmals bewusst, eine andere Hautfarbe zu haben als der Großteil der Bevölkerung, die man nicht verstecken kann, die in jedem Fall heraussticht (eine gute Schule, um einmal annähernd nachvollziehen zu können wie sich eine Person dunkler Hautfarbe fühlt, wenn sie in Wien in die U- Bahn steigt).
Schließlich erreichen wir Kakuako, die Straßen voll von kleinen Ständchen, die mit Feuer beleuchtet werden und alle möglichen Sachen anbieten. In den rot- schwarzen Nachthimmel ragen hohe Palmen. Das Zentrum der Schwestern besteht aus einer Anlage mit mehreren Gebäuden, darunter Schule und Kapelle, umgeben von einer hohen Mauer mit Stacheldraht.
Die Diskrepanz zwischen der heilen Welt innerhalb dieser Mauern und der Realität draußen, mit ihrem Müll, ihren Krankheiten, ihrer Armut war einer der Aspekte, der zu unserem Schock der ersten Tage beitragen sollte.
Ich verwende hier das Wort Schock und möchte es richtig verstanden wissen. Das war kein sogenannter Kulturschock, den wir da erlitten. Denn auch wenn wir uns von Angola keine Vorstellung machen konnten, so war uns zumindest klar, dass uns nicht die schönsten Bilder erwarten würden. Im Übrigen war ich ziemlich überrascht über die scheinbare Ruhe, die vorherrschte, und über die Aggressionslosigkeit mit der wir als Weisse behandelt wurden.
Ich hatte mir mehr Frustration und Unmut erwartet. Vielleicht der naive Eindruck eines so kurzen Aufenthalts? Oder die Atmosphäre der Erleichterung über das Ende dieses ewigen Kriegs? Ich weiß es nicht.
Ursache unseres Schocks war wie gesagt nicht das Land, sondern vielmehr das Zentrum selbst. Hier möchte ich ein weiteres Missverständnis vermeiden: ich betrachte einen Schock nicht als etwas Negatives, sondern vielmehr als das Resultat der Auseinandersetzung mit einer Sache, die einem fremd ist und über die man nichts weiß.
Anfangs stürzten viele Eindrücke auf uns ein, die zu dieser Auseinandersetzung führten, und über die ich froh bin, sie erlebt zu haben. Auch wenn sie zusammen ein sehr düsteres Bild ergaben. Da war der AIDS- Vortrag, in dem gegen Präservative propagiert wurde, und das in einem der am meisten von dieser Pandemie betroffenen Länder der Welt. Da waren die Kinder, die stundenlang Rosenkranz beteten, zu jung um ein Wort seines Inhalts zu verstehen. Mißstände im schulischen Bereich und auch im Kindergarten, die mit ein wenig mehr Aufwand hätten behoben werden können. Die Entwertung der Unterrichtsfächer durch die Dominanz des religiösen Aspekts, der wichtiger sein muss als alles andere. Die Allgegenwart der Institution katholische Kirche.
"Gut, selber schuld", könnte man einwenden, "dann habt ihr euch zuwenig damit auseinandergesetzt, in eine MISSIONS- Station zu fahren." Das ist völlig richtig. Tatsächlich hat sich am Begriff "Mission" weniger geändert, als ich es mir erwartet hätte.
Und doch bin ich froh, mich an Ort und Stelle mit der Realität der Mission auseinandergesetzt zu haben. Denn ohne diesen Aufenthalt wäre ich gar nicht erst zu meinem kritischen Standpunkt gekommen.
Ich denke, wir haben in diesen zwei Monaten viel gelernt. Wir haben gelernt, nicht Schwarz- Weiss zu malen. Wir haben ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig die Arbeit des Zentrums für die Bevölkerung ist. Dass die Kinder zwei mal am Tag eine warme Mahlzeit bekommen. Dass die Schule an Niveau die durch Korruption ruinierten öffentlichen Schulen bei Weitem übersteigt. Das der Wunsch "Friede sei mit dir" und die Aufforderung "Liebe deinen Nächsten" in einem kriegszerrütteten Land einen anderen Stellenwert haben als bei uns.
Wir haben Einiges gesehen, was wir nicht gutheissen oder worüber wir anderer Meinung sind. Aber wir haben auch viel Positives entdeckt. Ich denke ich darf für uns beide sprechen, wenn ich sage, dass wir für diese Erfahrung sehr dankbar sind, weil wir animiert wurden, uns mit vielen Dingen im Nachhinein auseinanderzusetzen, über sie man sonst nicht viel nachdenkt und unser Weltbild ein kleines bisschen weiter geworden ist.
Wir danken den Schwestern dafür, dass sie uns aufgenommen und toleriert haben mit allen unseren Einwänden und anderen Einstellungen.
Und wir bedanken uns bei den Kindern und Jugendlichen, mit denen arbeiten durften, und von denen wir dafür auch noch soviel Respekt und Anerkennung erhielten. Allein diese Erfahrung und Begegnungen waren das schönste Resultat unseres Aufenthalts.
Ich wünsche allen von ihnen die Zukunft, die sie verdienen.