
















Sandzeichnungen
Die vielleicht rätselhafteste Darstellungsform, die wir in Angola finden - heute muß man wohl leider sagen: fanden - sind die im östlichen Teil Angolas weit verbreiteten Sandzeichnungen oder Ideogramme (Chokwe: sona, Sg. lusona; Luchazi/Ngangela: tusona, Sg. kasona).
Es handelt sich um graphische "Zeichen" mit bestimmten Charakteristika, die in der Regel mit den Fingern in den Sand "geschrieben", gelegentlich aber auch an Hauswänden oder auf Gegenständen angebracht wurden.Hauptmerkmal dieser standardisierten und z.T. über Jahrhunderte tradierten "Zeichen" sind einzelne, von einer (meist endlosen) Linie von einander getrennte Punkte in geometrischer oder figuraler Anordnung. Sie dienten vor allem der Unterhaltung der Ältesten, doch waren sie weit mehr als nur ein Zeitvertreib.
Diese sehr charakteristischen, symbolhaften "Zeichen" haben in Angola eine lange Geschichte. Sie finden sich bereits auf den Aquarellen, die der Kapuzinermönch António Cavazzi kurz nach der Mitte des 17. Jahrhunderts am Hofe von Königin Njinga in Matamba malte. Im 20. Jahrhundert waren vor allem die Chokwe und das große Volk der Ngangela Meister dieser Kunst. Die Zeichnungen beziehen sich auf Tiere und Personen, phantastische zoomorphe Figuren, auf Mythen, Sprichwörter, Gesänge, Märchen, Parabeln, Episoden des täglichen Lebens und auch auf Strukturen und Gesetze traditioneller Institutionen. Sie können belebte und unbelebte Objekte mit bedeutsamen symbolischen und/oder sozialen Folgerungen oder moralische Begriffe repräsentieren oder sie können ein Gedicht, einen Kinderzählreim, ein Spiel darstellen.
Ein bekanntes Ideogramm der Chokwe heißt Kalunga (Gott). Der Künstler erzählte dazu folgende Geschichte:
"Als die Sonne gestorben war, suchten ihre Verwandten Kalunga auf. Sie wurden von Samuto, dem Pförtner von Kalunga empfangen, der ihnen sagte: ,Wickelt die Sonne in ein rotes Tuch und legt sie in einen Baum.' So geschah es. Am anderen Morgen waren sie froh, die Sonne noch strahlender wieder aufgehen zu sehen. Dasselbe passierte mit dem Mond. Diesmal riet Samuto den Verwandten, ihn zusammen mit schwarzem Ton in ein weißes Tuch einzuwickeln und in einen Baum zu legen. So geschah es und in derselben Nacht schien der Mond wieder. Als nun das Oberhaupt eines Dorfes gestorben war, gingen die Bewohner ebenfalls zu Kalunga, allerdings waren sie sehr arrogant und forderten Samuto unter Drohungen auf, sie zu Kalunga zu führen. Dieser schickte sie wieder zu Samuto zurück und sagte ihnen: ,Macht eine Bahre und tragt euer Oberhaupt zu einer Grube, die ihr im Busch öffnet, wo er sich ausruhen kann. Danach müßt ihr den Sterbefall fünf Tage lang feiern! Und dann wartet ab, daß euer Oberhaupt wieder aufersteht!'"
Sie warteten natürlich vergeblich. So kam der Tod in die Welt.
Einige dieser "Zeichen" konnten in fünfzigjährigem Abstand in weit auseinanderliegenden Gebieten beobachtet werden. Dies ist um so erstaunlicher, als es sich um eine sehr vergängliche Kunstgattung handelt. Denn wenn die Figur vollendet und erklärt ist, wird sie sofort wieder gelöscht. Die Erläuterungen, die der Künstler selbst mitteilt, können kurz sein, zum Beispiel nur aus dem Namen des abgebildeten Tieres bestehen. In anderen Fällen sind sie ausführlicher: So wird etwa das entsprechende Sprichwort rezitiert oder die dazugehörende Geschichte erzählt. Viele Ideogramme sind mit langen philosophischen Überlegungen verbunden. Man könnte also sagen, daß sie die zentralen Werte und einen Großteil des kulturellen und historischen Wissens der Gesellschaft, in der sie lebendig sind und zur Vorführung gelangen, kristallisieren und diese immer wieder in jedem neuen Schöpfungsprozeß reaktivieren. Auf diese Weise haben sie in der Form entspannter Unterhaltung eine eminent soziale und identitätsstärkende Funktion. Gleichzeitig sind (bzw. waren) die Ideogramme normierte mnemotechnische Zeichen - eine Art schriftliche Fixierung von Begriffen - für die Bewahrung und Tradierung gemeinsamer kultureller Grundlagen und Institutionen. (Dr. Beatrix Heintze)
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